Aus dem Dornröschenschlaf wachgeküsst
Das "Portal zur Geschichte" in Bad Gandersheim
An der Spitze eines „Stammbaumes“ der ottonischen, salischen und staufischen Herrscher steht der Sachse Liudolf. Der erste „Herzog“ von Sachsen wurde vor allem als Garant der Reichsunmittelbarkeit verehrt.
Die Luidolfinger, die Ahnen der ottonischen Kaiser, gründeten 852 ein Frauenstift in Gandersheim. Hier lebten meist adelige Frauen als Kanonissen. Sie beteten für das Seelenheil ihrer Vorfahren, erhielten eine Ausbildung, konnten ihre adeligen Gewohnheiten in der Regel weiter pflegen; manchmal auch das Stift durch Heirat verlassen.
Das Reichsstift Gandersheim stand um 1000 durch die Verwandtschaft der Äbtissinnnen und Kanonissen mit dem ottonischen Herrschaftshaus im Zentrum des Kaiserreiches. Es war eine der Grablegen der Familie. Vor allem jedoch gab es eine kulturelle Blüte, zum Beispiel durch die Werke der Roswithas von Gandersheim (gestorben nach 973), der wohl ersten „deutschen Dichterin“.
Neben dem Frauenstift in Gandersheim gab es ein Frauenstift in Quedlingburg, das 936 für den königlichen Familienzweig der Luidolfinger gegründet worden war. Die Äbtissinnen beider Stifte wurden vom ottonischen und nachfolgend vom salischen Königshaus gestellt.
Unter dem Einfluss der Landesherrn, der Braunschweiger Herzöge, verlor Gandersheim zunehmend an Bedeutung. Im Jahre 1810 ließ König Bonaparte von Westphalen das Reichsstift in Gandersheim aufheben.
Das Frauenstift mit seinem „ottonischen Glanz“ erlebte einen Dornröschenschlaf. Ein neuer Zugang zur alten Geschichte wurde jedoch 1992/95/97 im Zuge der Renovierungsarbeiten der Stiftskirche in Gandersheim „wachgeküsst“, als Teile des Schatzes des Frauenstiftes wiederentdeckt wurden.
Im Jahr 2002 wurde der Trägerverein „Portal zur Geschichte e.V.“ gegründet, der die Bedeutung des freien Reichsstift Gandersheim darstellen will. Die Schätze des Frauenstiftes werden seit dem 5. März 2006 in der romanischen Stiftskirche ausgestellt, seit dem 20. Mai 2007 auch in der ehemaligen Klosterkirche in Brunshausen. Die Finanzierung – etwa 2 Millionen Euro – wurde durch Mittel aus dem Europäischen Strukturförderungsfonds (EFRE), sowie durch Beteiligung aller großen niedersächsischen Kulturstiftungen und weiterer Sponsoren und Förderer ermöglicht.
Das Museum "Portal zur Geschichte" befindet sich an einem authentischen Ort mit einem Alleinstellungsmerkmal und überregionaler Bedeutung. Diese Insel mit einem einzigartigen Charakter und einem unverwechselbaren Gesicht lädt mitten im Strom der Kultur ein, nicht angesichts der gegenwärtigen Flutwellen unterzugehen, sondern durch die Begegnung mit den tiefen Strömungen der Geschichte die Gegenwart genauer zu betrachten und sie zu bewältigen.
Burkhard Budde
Dr.Thomas Labusiak als Leiter des "Portals" verabschiedet
Redakteur Rudolf A. Hillebrecht vom "Gandersheimer Kreisblatt" berichtet über die Verabschiedung in der Zeitung vom 7. Juli 2010
Bad Gandersheim / Brunshausen
(rah). Die Nachricht
vom Wechsel kam überraschend,
aber nur, was den Termin
anbetraf, der dann recht
kurzfristig Realität wurde. Dass
der wissenschaftliche Leiter des
„Portals zur Geschichte“, Dr.
Thomas Labusiak, auf Dauer
kaum in Bad Gandersheim zu
halten sein dürfte, war spätestens
seit der Aufteilung seiner
Stelle in Gemeinschaft mit einem
Forschungsauftrag an der
Universität Göttingen klar.
Und so konnte auch niemand
Labusiak wirklich böse sein,
dass er das Angebot, die Stelle
des Kustos der Domschätze
von Halberstadt und Quedlinburg
zu übernehmen, nicht abschlagen
konnte.
Im Gegenteil, so der Vorsitzende
des Trägervereins, Dr.
Burkhard Budde, es mache das
PzG in gewisser Weise auch
stolz, dass nun nach Dr. Martin
Hoernes zum zweiten Mal ein
Leiter des Projektes sich auch
über das „Portal“ offenbar die
Reputation erworben habe, zu
größeren, weit überregional
bedeutsamen Aufgaben berufen
zu werden.
Labusiak sei ein wissenschaftlicher
Spezialist, aber
auch ein „operativer Generalist“
für das Projekt gewesen.
Er kam zum 1. März 2007 als
Nachfolger für Martin Hoernes,
der nach Berlin wechselte,
und übernahm den gerade in
der Fertigstellung befindlichen
zweiten Bauabschnitt. Die Pläne
und Vorstellungen für den
dritten Bauabschnitt, dessen
Fertigstellung er auch von
außerhalb noch begleiten
möchte, so denn die nötigen
Zuschüsse dafür bewilligt würden,
habe er damals praktisch
schon mitgebracht.
Als „operativen Generalisten“
bezeichnete Budde den
Leiter des Museumsprojektes,
weil er in dieser Funktion praktisch
für alles mit zuständig und
tätig gewesen sei, was den Betrieb
des Museums betraf. Ob
Personalorganisation oder Finanzen,
Werbung oder Kommunikation,
in allen Bereichen
habe sich Dr. Labusiak eingesetzt.
Auf diese Weise sei es
ihm gelungen, das „Portal“
trotz aller Probleme der letzten
Jahre am Laufen zu halten, wobei
Dr. Budde dafür den Begriff
eines „Notbetriebes“ benutzte.
Diesen Begriff wollte Bürgermeister
Ehmen in seinen
Worten zum Abschied, der auf
der Empore des Museumsteils
in der Brunshäuser Klosterkirche
begangen wurde, nicht teilen.
Er sehe in dem Zustand
zwar kein Optimum, aber ein
„Notbetrieb“ sei das nicht gewesen:
„Es lief und es läuft
beim ‘Portal’, wenn auch
manchmal mit Problemen“,
stellte Ehmen fest.
Er sehe weiterhin im Portal
eine große Chance für die Zukunft
der Stadt, so Ehmen. In
Zeiten, wo den Menschen
durch den Sparzwang viel zugemutet
werden müsse, gehöre
auch deutlich gesagt, warum
diese freiwillige Ausgabe Sinn
mache. Das „Portal“ sei eine
der Chancen der Stadt für die
Zeit nach der Konsolidierung.
Deshalb dürfe es jetzt nicht an
der Finanzierung scheitern, es
dorthin zu bringen. Zur Person
Labusiaks sagte Ehmen, dass es
nicht schwer gewesen sei, gut
mit auszukommen. Der Umgang
sei immer ein sehr angenehmer
gewesen.
Auf das „Diktat der Zahlen“
war auch Trägervereinsvorsitzender
Dr. Budde eingegangen.
Es dürfe nicht zur Zerstörung
eines kulturellen Pflänzchens
führen. Statt dessen müsse eine
Dynamisierung der heimischen
Wirtschaft angeschoben werden,
die zusammen mit einer
Vernetzung heimischer Kulturinseln
wie der Domfestspiele,
Concertos und des „Portals“
sowie anderer als „Inselhopping“
zu gegenseitiger Befruchtung
führen könne.
Dr. Labusiak hinterlasse auf
jeden Fall nach seinen drei Jahren
Tätigkeit für das „Portal“
ein gut bestelltes Feld, das nun
erhalten werden muss, so Budde.
Vorübergehend wird die
Leitung erst einmal vor Ort
durch Museumsassistentin
Christina Durant M.A. übernommen,
Labusiak selbst und
andere haben aber bereits Gespräche
geführt, um die Leitung
möglichst wieder in speziell
dafür qualifizierte Hände legen
zu können.
Thomas Labusiak selbst
dankte an diesem Tage allen,
die ihn in den drei Jahren konstruktiv
und unterstützend begleitet
haben. Er werde immer
gern an die Zeit in Bad
Gandersheim zurückdenken,
und in seiner neuen Stelle mit
Büro in Halberstadt sei er auch
nicht so weit aus der Welt, um
nicht im Bedarfsfalle schnell
mal wieder nach Bad Gandersheim
zu kommen. Ohnehin gebe
es eine fast 1000-jährige
Verbindung zwischen Bad
Gandersheim und Quedlinburg,
es spreche nichts dagegen,
die auch in Zukunft zwischen
den Domschätzen weiter
aufrecht zu erhalten.


